Mensch mit Lunge und Schloss für Sicherheit. Text: Schutzsystem der Stimme

Schutzsysteme im Vokaltrakt

Wie hängen Schutz, Sicherheit und Singen miteinander zusammen?

Wenn wir neurobiologisch auf den menschlichen Körper schauen, dann ist das wichtigste Thema die Sicherheit. Unser gesamtes biologisches System ist darauf ausgerichtet, sicher zu sein, damit dieser Körper so lange wie möglich lebt bzw. überlebt.

Jede Tätigkeit, die wir machen, auch die Gefühle, die wir fühlen, alles wird im Gehirn ständig auf die Sicherheit überprüft. Und wenn ich über Tätigkeiten sprechen, dann gilt es für alles. Und somit auch für das Singen.

Was bedeutet das neurobiologisch? Und was bedeutet das praktisch für dich als Sänger:in?

Sicherheit – auch beim Singen

Wenn ich über Neurologie, Neurowissenschaften in Bezug zur Stimme spreche, ist das Thema der Sicherheit ständig präsent und sollte mitgedacht werden, was immer wir mit der Stimme und der Atmung für die Stimme machen. Denn auch wenn uns das manchmal nicht passt: Biologie kommt vor Kunst. Das bedeutet: Sicherheit ist wichtiger als das Hohe C!

Und mit dem Thema Sicherheit kommen sofort die Schutzzonen ins Spiel. Welche Bereiche helfen zu schützen und mich sicher fühlen zu lassen?
Wir kennen als Sänger:innen das Thema besonders gut, wenn es zum Beispiel bei Auftritten zu Lampenfieber kommt. Wie sicher fühle ich mich auf einer Bühne? Oder wie sicher fühle ich mich mit meiner Gesangstechnik, mit meiner Stimme? Das heißt, dieses Thema kommt immer dann in den Vordergrund, wenn es um Ausnahmesituationen geht. Und ich würde sagen, singen auf der Bühne ist immer eine Art von Ausnahmesituationen, selbst wenn es unser Beruf ist, den wir vielleicht schon seit Jahren ausüben. Deshalb in diesem Fall die Frage: Was erlaubt es mir, dass ich mich sicher fühle? Und was brauche ich zu meinem Schutz?

Das ist etwas, was wir immer mitdenken sollte und im Kopf haben, dass unser Organismus, unser Nervensystem, unser Gehirn dazu da ist, uns maximal zu schützen. Alles, was dieser Körper tut, alles, was im Nervensystem abläuft und alles, was unser Körper macht, ist auf unbewusster Ebene dazu da, uns am Leben zu erhalten, also uns das Überleben zu sichern.

Für das Singen bedeutet das, unser Singen, unsere Technik so zu gestalten, dass es nicht nur ums Überleben geht, sondern dass es gut funktioniert, dass wir uns wohlfühlen und mit unserer biologischen Funktion mitgehen und nicht gegen sie arbeiten.

Herz und Lunge brauchen Schutz

Bevor wir tiefer in die Schutzzonen einsteigen vorher noch die Frage: Was muss denn überhaupt geschützt werden?

Unsere wichtigsten Überlebensorgane sind Herz und Lunge. Ebenfalls der Stoffwechechsel. Schauen wir uns zunächst kurz die Lunge an. Denn wir haben Öffnung, wo wir die Luft, die wir zum Überleben brauchen aufnehmen. Durch Nase oder Mund kommt die Luft hinein, geht durch oberen und unteren Atemwege und kommt schließlich in der Lunge an, wo dann der Gasaustausch stattfindet.

Singen und das Schutzsystem

Und hier kommen wir wieder zum Singen, denn es sind genau die Bereiche, mit denen wir so differenziert arbeiten. Die oberen Luftwege sind zum Teil unser Vokaltrakt, unser Hauptresonator (er geht im Fall des klassischen Gesangs vom weichen Gaumen bis zu den Stimmlippen). Die Ventile, die wir nutzen um die Druckverhältnisse im Körper für Kraftanwendung und damit z.B. auch für Flucht und Kampf bereit zu machen, sind die Stimmlippen und die Taschenfalten.

Die Primärfunktion dieser Bereich ist also nicht das Singen, sondern die Regelung des Lebens und Überlebens.

Die 5 Schutzsysteme beim Singen

Schutzzone 01 – Kiefer

Die erste Möglichkeit zu schließen, um uns vor Partikeln zu schützen, die vielleicht besser nicht in die Lunge geraten ist der Kiefer. Und damit gehen die Lippen einher

Aber beim Singen brauchen wir einen geöffneten Kiefer, weil der Klang rauskommen muss. Und wir sind oft beim Singen damit beschäftigt, wie öffne ich den Kiefer? Wie weit öffne ich den Kiefer?

Ich habe diesem Thema einen gesamten 4-Wochen Kurs gewidmet und damit war ich noch nicht einmal durch das gesamte Thema für das Singen durch.

Möchtest du mehr darüber erfahren habe ich gleich mehrere Möglichkeiten für dich parat:

Mein Blogartikel: Nervus Trigeminus und die Kieferöffnung

Meine Serie mit 3 Videos für 0.-€: Open up to your sound

Oder schau gern auch mal in meinem Podcast Nervenstarke Stimme oder auf meinem YouTube Kanal: mehr Klang durch entspannte Kieferöffnung.

Gibt es eine wirkliche Erlaubnis dafür, den Kiefer zu öffnen? Das heißt, sind die Muskulaturen, besonders der Masseter Muskel überhaupt dazu bereit zu öffnen? Gibt es die Erlaubnis für Dehnung oder muss ich zum Beispiel mit meiner Zunge den Unterkiefer nach unten drücken, damit der Mund aufgeht?

Das ist normalerweise ein natürlicher Vorgang, wie wir ihn immer machen. Jedes Mal, wenn man den Mund aufmacht, um zu essen, hilft die Zunge mit, den Kiefer runter zu drücken. Das ist allerdings für uns beim Singen nicht besonders günstig. Wenn wir als Pädagog:innen also einfach nur sagen, mach den Mund auf, wenn wir merken, das ist für jemanden schwierig, kann es auf vielen Ebenen zum Problem werden. Denn wir treffen dabei auf die neurologische Schutzbereichsebene. Und das bedeutet, wir müssen uns überlegen, wie eine Erlaubnis stattfinden kann.

Wie also kann ich langsam, zart, vorsichtig an diesen Bereich gehen, wenn er sich nicht von selber gerne öffnen mag?

Was unser Körper, was unser Gehirn braucht, ist das Wissen: Hey, ich kann den Mund aufmachen und ich bin trotzdem sicher. und dann ist das ja nicht unser erster Schutzbereich, sondern dann haben wir noch verschiedene andere, da kommt zum Beispiel der weiche Gaumen, der weiche Gaumen schützt, zum Beispiel indem er schließt, hinten, sodass.

Schutzzone 02 – weicher Gaumen

Und es ist ja nicht unser einziger Schutzbereich, sondern wir haben noch verschiedene andere, die danach kommen.

Kommen wir also zur nächsten Schutzzone, den weichen Gaumen. Dort werden Stoffe gehindert in die Lunge zu kommen, die durch die Nase eindringen. Dagegen können wir uns verschließen. Normalerweise ist der weiche Gaumen leicht geöffnet, wenn wir durch die Nase einatmen. Aber beim klassischen Gesang wollen wir ihn eher geschlossen haben, damit unser Klangraum ein unteres und oberes geschlossenes Ende haben, so dass der Klang optimal verstärkt werden kann.

Und beim Singen ist es interessant, dass sich schon zur Einatmung der weiche Gaumen heben kann, wenn wir mit einer Rundung im Vokaltrakt einatmen. Wir haben schon vor dem Start des Singens, die Möglichkeit, den späteren Resonanzraum zu formen, wie wir es als klassische Sänger:innen suchen. Die so genannte Kuppel ist jetzt schon spürbar. Wir aktivieren einen Schutzbereich und gleichzeitig haben wir ein gesuchtes klangliches Ergebnis. Ich würde sagen, eine Win-Win Situation.

Wir haben keinen Klangverlust, keinen Kraftverlust, sondern unser Vokaltrakt ist im oberen Bereich definiert.

Schutzzone 03 – Zunge

Jetzt kommen wir zu einem sehr wichtigen und sehr differenziert beweglichen Bereich, den alle Sänger:innen kennen und fürchten: die Zunge. Mein Gott, wie oft höre ich das von meinen Sänger:innen: die Zunge macht wieder nicht das, was ich gerne möchte. Wie kriege ich sie dazu, dass sie das tut, was für den Klang am besten ist? Wenn wir jetzt aber wissen, die Zunge ist ein Schutzbereich, dann ändert das die Betrachtung vielleicht. Wenn die nach hinten in unseren Rachenraum hineinzieht, der unser Vokaltrakt, unser Resonanzbereich ist, dann tut sie das nach bestem Wissen und Gewissen, weil sie uns schützt.

Und dann ist natürlich die Frage, wie bringen wir unserem Gehirn bei, dass es nicht ganz so viel schützen muss? Wir sind gewohnt, mit der Zunge die Luft zu kontrollieren. Sie ist ein Kontrollpunkt, den wir unter Umständen beim Singen irgendwann loslassen bzw. differenzieren lernen müssen. Haben wir andere Ideen, wie wir genug Luft in kurzer Zeit ohne Geräusch einatmen können? Und wie kann sie, wenn es dann ums Singen geht, den Raum freigeben, damit der Resonanzraum, der Resonator optimal funktionieren kann?

Auch hierfür findest du etliches auf meinem Blog: Wann macht Arbeit mit der Zunge Sinn?

Oder auch mein E-Book für 0,- €: Sing it easy

Und natürlich findest du dazu auch noch etwas in meinem Podcast. 😅

Schutzzone 04 – Taschenfalten

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Der Kiefer mag sich öffnen, der weiche Gaumen schließt schon in der Einatmung, die Zunge macht, was wir möchten, der Vokaltrakt scheint also gut gestaltet zu sein. Was machen dann die Taschenfalten?

Wenn sie aus Schutz schließen würden, wäre auch das keine gute Idee – es sei denn wir wollen das für bestimmte klangliche Effekte nutzen.

Wenn sie schließen, wird immer die Gestalt des Vokaltraktes in Mitleidenschaft gezogen im Sinn von Schließung. Die Muskeln des Vokaltraktes werden benötigt, um die Taschenfalten zu schließen, denn sie haben keine oder zu wenig eigene Muskulatur.

Schutzzone 05 – Stimmlippen

Kommen wir zum letzten Schutzsystem, das sind die Stimmlippen. Stimmlippen und Taschenfalten sind, wenn wir es biologisch betrachten, ein Ventil. Wir reden dabei von der sogenannten Doppelventilfunktion.

Durch ihre unterschiedliche Form können sie sehr effizient, weitere Einatmung oder weitere Ausatmung verhindern und sie sorgen für unterschiedlich Druckverhältnisse in der Bewegungsmöglichkeit des Körpers.

Weitere Einzelheiten zur Doppelventilfunktion findest du in dem entsprechenden Blogartikel Doppelventilfunktion – Die große Frage: Überdruck oder Unterdruck?

Denn die Stimmlippen in ihrer Primärfunktion sind für die Regulierung der Atmung und der Drücke da und nicht fürs Singen. Singen ist quasi eine Luxusfunktion und damit auch ein Luxusproblem.

Ich weiß, ich weiß, ich sehe das rein emotional auch ganz anders, aber that’s reality, das ist Biologie.

Doch zurück zu unserer wunderschönen Luxusfunktion, dem Singen. Dabei schließen die Stimmlippen und genau an dieser Schnittstelle treffen sich Biologie und Schönheit des Singens und Sicherheit in Übereinstimmung. Ist das nicht genial?

Wir sind hier am Ziel. Indem wir unsere Stimmlippen in ihrer Schwingung wahrnehmen, sind wir geschützt. Gerade auch wenn dem Kehlkopf erlaubt wird, in der Einatmung schon zu sinken, dann dürfen die Stimmlippen als Ventil sehr weit öffnen. Das wiederum bringt die Rückstellkräfte der fazialen Strukturen im Kehlkopf dazu, mit einer sehr schnellen Rückstellkraft für die Schließung reagieren zu können. Denn Schließung könnte Schutz bedeuten. Und genau diese schnelle und effiziente Schließung machen wir uns beim Singen zunutze.

Wenn das im Gehirn ankommt, ist der Stimmschluss gleichbedeutend mit Sicherheit. Und schon wieder haben wir eine Win-Win Situation.
Das finde ich persönlich eine ganz wunderbare Vorstellung.

Denn in letzter Konsequenz bedeutet das:

Singen ist gleich Schutz

Wenn diese Wahrnehmung durch sensomotorisches Training geübt wird, gewinnen wir auf genau diese Vorgänge beim Singen einen Einfluss. Wir können spüren:

  • Hier ist meine Stimmlippenebene
  • So schwingen denn die Stimmlippen
  • Das ist meine die mediale Kompression
  • So ist der Stimmlippenschluss.

Wenn die Stimmlippen schließen, besonders wenn ich singe, bin ich geschützt. Dann kann ich mit den Schutzzonen anders umgehen.

Dafür brauche ich eine Form der Sicherheit, die ich in meiner Gesangstechnik spüre, die ich in meinem gesamten Nervensystem spüre. Für die Bühne bedeutet das, dass ich nicht immer bei der Idee, gleich auf die Bühne zu gehen, der Flucht und Kampfreflex eintritt, sondern ich bekomme eine Idee und eine Empfindung, wie sich Sicherheit auf der Bühne anfühlen kann.

Denn wenn ich auf die Bühne gehe mit dem Gefühl, oh Gott, ich würde am liebsten abhauen oder ich trete die Flucht nach vorne an, indem ich eher in die Kampfreaktion gehe, hat das auch Einfluss auf meine Stimmfunktion. Der Klang reagiert, denn wir haben natürlich Auswirkungen unseren Vokaltrakt und seine Gestalt.

In Sicherheit stelle ich mir selbst ganz andere Fragen und meine Wahrnehmung wird anders gelenkt sein.

Diese Themen sind wichtig, wenn wir auf die Bühne gehen, aber auch genauso für uns als Pädagog:innen. Denn die Nervensysteme kommunizieren miteinander. Wir gehen auf eine bestimmte Art und Weise mit unseren Sänger:innen um. Und es wichtig ist, dass wir ihnen dieses Gefühl von Sicherheit in der Technik, in der Art, wie sie auf die Bühne gehen können, in der Art, wie sie im Unterricht bei uns sein dürfen, mitgeben- So gehen sie mit einem ganz anderen Gefühl, mit einer ganz anderen stimmlichen Möglichkeit auf die Bühne und erleben sich anders.

Und das hat wiederum Einflüsse auf das Publikum. Die Kommunkation kann auf einer ganz anderen, tieferen, wahrhaftigeren Ebene stattfinden.

So kannst du die Schutzsysteme praktisch erleben

Möchtest du ganz praktisch im Singen mit all den beschriebenen Schutzzonen arbeiten? Ich habe meinen Workshop vom Hamburger Stimmsymposium 2025 in einen Selbstlernkurs verwandelt. Ich war beeindruckt von dem Klang, der am Ende der Stunde entstanden ist. Und die Nachfragen und Rückmeldungen von Sänger:innen und Professor:innen für Gesang waren teils sehr berührend.

2 Gedanken zu „Schutzsysteme im Vokaltrakt“

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