Polyvagaltheorie, Stimme, Verbindung

Was ist die Polyvagaltheorie?

Polyvagaltheorie – das klingt erstmal ein wenig ungewöhnlich und vielleicht auch unverständlich. Kann man sich darunter etwas vorstellen? Gibt es Hinweise für diejenigen, die sie den Begriff noch nie gehört haben?

Wortherleitung: Polyvagaltheorie

Ich liebe es ja, die Worte auseinander zu nehmen. Fangen wir also mit Poly- an.

Es ist ein griechischer Wortstamm und bedeutet: mehrere, viele, mehr.

Und das Wort vagal spielt auf den Vagus Nerv an, den X. Hirnnerven, den mittlerweile eine Menge Menschen kennen, weil immer bekannter wird, wie wichtig er für unser emotionales Wohlbefinden ist.

Der Vagus Nerv, der Umherschweifende, wie ein Vagabund umherschweifende, wie wir ihn übersetzen würden.

In der traditionellen Neurologie, auch in den Lehrbüchern ist es immer noch ganz klar: Es kann nur einen geben. 😉

Der Highlander lässt grüßen. Aber nach der Theorie von Porges ist das eben nicht ganz wahr. Denn es sieht so aus als hätte der Vagus Nerv zwei verschiedene Äste. Sie scheinen sowohl aus einer anderen phylogenetischen Entwicklungsstufe zu stammen als auch unterschiedliche Funktionen zu haben.

(Die Phylogenese ist übrigens die stammesgeschichtliche Entwicklung der Lebewesen und ihrer Verwandtschaftsgruppen. Und wer den Begriff nicht kannte, ich verrate euch ein Geheimnis: jedes Mal, aber auch jedes Mal, wenn ich ihn benutze im Schreiben oder in Vorträgen schaue ich wieder nach. Irgendetwas daran scheint bei mir kompliziert zu sein.)

Woher kommt die Polyvagaltheorie?

Die Polyvagaltheorie ist eine wissenschaftliche Sichtweise auf die Funktionen des Autonomen Nervensystems (ANS), die in den 1990er Jahren von Stephen W. Porges, gemeinsam mit einem Team entwickelt wurde.

Sie scheint mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, denn über den Vagus Nerv, der der Namensgeber der Theorie ist, sprechen heute viele Menschen. Und es werden überall Übungen angeboten, um damit effektiv arbeiten zu können. Auch ich nutze diese Kenntnisse mittlerweile ganz selbstverständlich in den Ausbildungen, die ich leite und im Gesangsunterricht.

Es ist keine statisch festgelegte Theorie. Sie bietet uns einen Rahmen an, innerhalb dessen wir menschliches Verhalten besser verstehen können. Und es stellen sich viele, sehr interessante Fragen, die wir auf viele Lebens- und Arbeitsbereiche anwenden können.

  • Wie sind wir in der Welt?
  • Wie gehen wir mit den wichtigen Bedürfnissen von Sicherheit und Verbundenheit mit anderen Menschen in vertrauensvollen Beziehungen und auch im Musizieren um?
  • Wie regulieren wir uns, wenn wir uns nicht sicher fühlen?
  • Was sind adaptive Überlebensstrukturen?
  • Wie gehen wir mit Stress um?
  • Was sind Ressourcen?
  • Wie können wir uns regulieren?
  • Was ist der dorsale Vagus?
  • Was ist der ventrale Vagus?

Polyvagaltheorie und Kommunikation

Um sich der Polyvagaltheorie zu nähern, ist eine kleine Einführung in das dreiteilige Gehirn und das autonome Nervensystem (ANS) durchaus sinnvoll. Denn das ANS ist sehr wichtig, um zu verstehen, welcher emotionale Subtext bei uns Menschen immer mitläuft, wenn wir kommunizieren.

Kommunikation und das von Porges so bezeichnete Social engagement system ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Aber genauso auch von Gesangsunterricht und Therapie. Es ist die private Kommunikation mit den uns lieben Menschen, mit unseren Kindern, Partnern, im Beruf und nicht zuletzt im Gesangsunterricht mit unseren Schüler:innen.

Aber auch als Sänger:innen auf der Bühne, wenn wir mit unserer Stimme mit dem Publikum kommunizieren, ist das ANS immer wirksam – ob wir es nun wissen oder nicht.

Denn nicht nur unsere Technik oder unsere Musikalität entscheidet über das, was beim Publikum ankommt, sondern auch die Art der Kommunikation im allgemeinen.

  • Was sendet mein Nervensystem und auf welches Nervensystem treffe ich beim Publikum?
  • Habe ich einen Einfluss durch meinen eigenen Zustand, den ich mit meinem Publikum kommuniziere?
  • Wie reagieren die Nervensysteme meiner Zuhörer:innen auf mein eigenes Nervensystem?
  • Was sind überhaupt die Ebenen, auf denen ich mein Publikum anspreche?

Auch das sind wieder interessante Fragen. Jeder Mensch hat eine starke Identifikation mit der eigenen Stimme, ob es uns bewusst ist oder nicht. Mit dieser Stimme sagen wir ständig etwas über uns aus. Wir zeigen damit unseren derzeitigen, emotionalen Zustand, sagen etwas über unsere Geschichte und über unser Selbstbild.

Was liegt in unserer Macht, uns selbst und anderen Sicherheit zu geben? Da ist zum ersten der Zustand meines eigenen Nervensystems, den ich habe und ausstrahle bzw. direkt durch meine Wortwahl übertrage. Aber auch meine Stimmgebung, die Prosodie wird immer einen immensen Einfluss auf andere Menschen haben, sei es auf SchülerInnen oder FreundInnen.

 

Sicherheit ist das wichtigste Element, auch beim Singen

Wir wissen, nur im Zustand der Sicherheit kann ich etwas wirklich tief lernen und verstehen, kann ich vor allem wagen, neue Dinge auszuprobieren und an mich heran zu lassen.

Sicherheit ist also die Voraussetzung für den Gesangsunterricht und das Musik machen. Und aus der Sicherheit heraus möchten wir auch mit unseren Schüler:innen arbeiten und mit unseren Kollegen musizieren.

 

Polyvagaltheorie Orchester, Band, Singen

 

Sicherheit ist eine Empfindung, die wir in uns, in unserem Körper spüren und die wir auch in der Umwelt erfahren können. Dazu brauchen wir Zeit, um unsere Umgebung wahrzunehmen, im Fall von Gefahr zu wissen, wohin wir uns flüchten können und einen Platz suchen, an dem wir uns wohl fühlen. Wie ein Tier, was erst einmal einen für sich geeigneten Platz sucht, den es entweder schon kennt oder genau erspürt, bevor es sich zum Schlafen hinlegt.

Porges benutzt den Begriff der Neurozeption. Das bedeutet, dass ich den Gesichtsausdruck, den Körperausdruck, den Stimmklang eines anderen Menschen,  mit Hilfe meines Nervensystems deuten kann, so dass ich meine beurteilen zu können, ob ich mit ihr oder ihm sicher bin oder nicht.

Ich schreibe mit Absicht „meine beurteilen zu können“, denn hier spielen unsere Lebenserfahrung, individuelle Erlebnisse und eventuelle Traumata eine Rolle. Aus diesem Wissen heraus zeigt sich, wie und ob ich in anderen Menschen lesen kann.

Ich mag übrigens einen Vortrag von Porges sehr, in dem er über Mitgefühl (compassion) spricht. Der Vortrag ist schon recht alt, von 2012, aber ich finde, dass er sehr schön erklärt, was die einzelnen neurologischen Zustände bedeuten. Der Vortrag ist englisch und du findest ihn hier.

Was bedeutet grün, gelb und rot innerhalb der Polyvagaltheorie?

Polyvagaltheorie Sicherheit

Grüner Bereich – Kontakt und Sicherheit

Was an dieser Polyvagaltheorie ist neu? Warum zwei Vagus Äste?

Der eine Teil des Vagus geht aus einem Kern (Nuclus) im ventralen (vorderen) Bereich des Gehirns hervor. Er ist entwicklungsgeschichtlich neuer und für soziale Bindung notwendig.

Polyvagaltheorie grün

Wenn das Baby auf die Welt kommt und in einen guten Kontakt mit seinen Eltern kommt, kann sich in dem Moment über das sehen, hören, riechen, schmecken und saugen eine Bindung aufbauen. Aber auch die Herz-Lungenempfindung und der Kehlkopf  sind entscheidend, wenn es um die vertrauensvolle Verbindung von Mutter, Vater und Kind geht.

Wenn unser Start ins Leben gut genug gelaufen ist – es muss nicht perfekt gewesen sein – dann sind wir fähig, uns mit anderen zu verbinden: Augenkontakt herzustellen, die Mimik lesen zu können, selber mimisch reagieren zu können, unsere Stimme wird eine Prosodie haben und nicht monoton wie ein Roboter klingen.

Gelber Bereich – Kämpfen, Fliehen und Gefahr

Wenn wir weiter gehen zum gelben Kasten erleben wir hier keine Sicherheit mehr, sondern das Gefühl geht in den Bereich der Gefahr. Die Energie im Sympathikus steigt, so dass ein Flucht- oder Kampfverhalten möglich wird. Das bedeutet, ich könnte mich gegen Bedrohungen aus der Umwelt und feindlich gestimmte Menschen wehren. Ich kann davon laufen oder ich gehe in den Gegenangriff über.

Polyvagaltheorie gelb

In der Stimmanwendung bedeutet das auf jeden Fall jede Menge Druck auf der Stimme. Und wenn wir uns bestimmte Situationen von der Bühne vergegenwärtigen, fühlen wir uns manchmal vielleicht auch wirklich von Stimmen eher angegriffen und angeschrien, als dass sie mit uns auf eine andere Art kommunizieren. Manche glauben sogar, dass das der neurologisch dominante Zustand sein sollte, mit dem wir auf der Bühne stehen. Für unsere Stimme allerdings ist das nicht wirklich günstig, da zu viel Druck die Stimme auf Dauer schädigen kann.

Möchtest du mehr darüber lesen, was für Wirkungen und Rückwirkungen wir auf die Stimme habe, lies gern den Blog Artikel über Über-Druck und mediale Kompression.

Roter Bereich – Totstellen, Ohnmacht und Lebensgefahr

Geht unser Zustand des Nervensystems weiter Richtung roter Kasten, kommen wir zum Bereich Lebensgefahr.

Neurologisch passiert folgendes Szenario: das sympathische System ist so hoch gefahren, wie es nur geht. Wir stellen fest, dass weder kämpfen noch fliehen erfolgreich möglich ist und unsere Emotion ist komplett überfordert. Dann kappt der dorsale (hintere) Vagus die Herzrate radikal und wir fallen in Ohmacht oder erstarren. Ein Shut-down ist die Folge.

Jemand, der auf einem Level von dieser höchsten Energie bzw. Erregung handelt, ist nur noch aus seinem Überlebensmodus aktiv. Das sind phylogenetisch (siehe oben ;-)) die ältesten Überlebensmodelle, die sich in diesem Zustand des Nervensystems zum Ausdruck bringen. Man ist Argumenten in keiner Hinsicht mehr gewachsen oder gar zugänglich.

Jede Diskussion ist an dieser Stelle komplett sinnlos. Das ist gerade für Beziehungen zu Partner:innen wichtig zu wissen.

Polyvagaltheorie roter Bereich, Totstellen, Ohnmacht

Dieser dorsale Vagusanteil ist der stammesgeschichtlich älteste. Er kommt aus der Zeit der Entstehung unseres Reptiliengehirns. Und er wird immer dann aktiviert, wenn in einer Bedrohungssituation kämpfen und fliehen nicht (mehr) funktioniert.

In ihm sind der sympathische und parasympathische Teil des autonomen Nervensystems beide zu Beginn stark aktiviert.

Beim Auto fahren wäre es so, als wenn man Gas und Bremse gleichermaßen durchgedrückt halten würde und die Bremsbeläge hervorragend funktionierten, so dass das Gaspedal keine Bewegung hervorrufen kann, auch wenn wir noch so hochtourig drehen lassen. Das geht so lange bis der Sprit alle ist oder das Auto kaputt geht.

Kommunikation und Bindung in „grün“

Der ventrale ist der jüngste Teil unseres ANS und wichtig bei Kommunikation und Bindung. Er wird gestärkt durch Blicke, durch Berührung, durch Beruhigung, durch Nahrungsaufnahme z.B. stillen.

Das ist übrigens ein Grund, warum manche Menschen Sex als Beruhigung benutzen.

Für andere ist Essen das Mittel der Wahl, um sich zu beruhigen. Da wird etwas, was eigentlich mit echtem Kontakt zu tun hätte als Ausgleich benutzt.

Dieser in grün beschriebene Bereich ist enorm wichtig für uns, wenn wir uns mit der Stimme beschäftigen. Denn dort sind viele der neurologischen Verbindungen verankert, die wir beim Singen und Sprechen nutzen. Der Kehlkopf in all seinen Funktionen, aber auch Kieferöffnung und Mimik.

Optimales Bindungs- und Kommunikationssystem

Wie funktioniert das Bindungs- und Kommunikationssystem optimalerweise und was für Komponenten aus dem sympathischen und dorsal-vagalen Bereich stören die Möglichkeit zur Stimmgebung, zur Kommunikation?

Das sind Fragen, die sowohl das alltägliche Sprechen als auch den Gesang betreffen können.

Blickkontakt und Zuhören können sind wichtige Faktoren, damit wir auch das sympathische Nervensystem in seiner hilfreichen Funktion einbinden können. Dann ist es möglich zu spielen, sogar zu konkurrieren wie im Sport und gleichzeitig im Kontakt zu bleiben. Das zeigt uns die Mimik und der Stimmklang deutlich an.

Selbst der „rote“ Bereich lässt sich unter diesen Voraussetzungen positiv nutzen. In einer liebenden Umarmung, in der Meditation in einer erfüllenden sexuellen Begegnung können wir zur Ruhe kommen. Oxytocin Ausschüttungen sind mitunter die Folge, so dass wir fähig sind, tiefe Bindungen zu unseren Kindern und zu Partnern einzugehen.

Die Grundlage der Polyvagaltheorie ist die Fähigkeit, die Gegenwart eines anderen Menschen zur Regulierung des eigenen physiologischen Zustandes in Richtung Ruhe, Kontakt und Sicherheit zu nutzen.

Gesundheit und Verbundenheit

Um gesund werden und bleiben zu können, brauchen wir soziale Verbindung miteinander. Wenn wir möchten, dass der ventrale Vagus, der grüne Bereich seine Arbeit gut tun kann, ist es wichtig, Bedingungen zu schaffen, das Nervensystem aus dem Zustand von  Totstellen oder Kampf- und Fluchtverhalten heraus zu führen. So allein kann Sicherheit aufgebaut wurde.

Und ein wesentlicher Bestandteil dieser Verbindung miteinander als Menschen ist unsere Stimme. Können wir sie nutzen, können wir unsere Atmung nutzen, um uns und die Menschen, die um uns sind in diese Verbindung und Sicherheit mitzunehmen?

In diesem Sinn würde ich sogar so weit gehen und sagen: Stimmarbeit ist Friedensarbeit

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