Zunge Singen Nerven

Beweglichkeit der Zunge bedeutet u.a. Sicherheit

Ich komme mal gleich zur Sache ­čśë: Ich habe ein E-Book mit ├ťbungen entworfen, bei dem es vor allem um die Beweglichkeit der Zunge bzw. die Zungenflexibilit├Ąt geht. Und ich nehme Bezug auf das Autonome Nervensystem. Da ich schon lange damit arbeite, ist das f├╝r mich v├Âllig logisch, aber etliche haben mich fragend angesehen und sich oder auch mich gefragt: Was bitte hat die Zunge denn mit Sicherheit und Emotionen zu tun? Autonomes Nervensystem und Zunge ÔÇô geh├Âren die beiden irgendwie zusammen? Und was ist daran f├╝r das Singen interessant?

Die Zunge in unserer Wahrnehmung

Die Zunge spielt beim Singen eine gro├če Rolle.

  • Ob wir es wissen oder nicht.
  • Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.
  • Ob wir uns damit besch├Ąftigen oder nicht.

Den meisten S├Ąnger:innen ist das schon klar. H├Âren wir doch immer wieder solche ÔÇťnettenÔÇŁ Dinge wie:

Meine Zunge ist mir immer im Weg

Ja, ja, meine Zunge ist echt ein Problem. Sie scheint einfach zu gro├č zu sein.

Mein Lehrer Eugen Rabine hatte seinerzeit einen Kurs f├╝r S├Ąnger:innen und Logop├Ąd:innen mit dem sch├Ânen Titel: Pr├╝gelknabe Zunge.

Und genau dazu machen wir sie allzu oft. Die Arme, sie soll an allem schuld sein. Und dabei m├Âchte sie uns doch nur bestm├Âglich helfen. Das jedenfalls ist meine feste ├ťberzeugung.

Schauen wir uns also etwas genauer an, was sie da eigentlich tut und was ihr Sinn und Zweck ist.

Biomechanische Bewegungsm├Âglichkeiten der Zunge

Die Zunge ist ein ziemlich gro├čes Organ. Sie f├╝llt unseren Mundraum und einen Teil des Rachenraums weitgehend aus. Da wir uns vor allem unserer Zungenspitze bewusst sind und diese gut bewegen k├Ânnen, setzen wir manchmal die Zungenspitze mit der gesamten Zunge gleich, jedenfalls in unserer Empfindung. Aber sie ist viel gr├Â├čer und hat viel mehr Funktionen, als uns am Anfang vielleicht einfallen.

Zunge im Mundraum, Rachenraum
Seitliche Ansicht. Zunge und Rachenraum u.a. Abb. aus GrayÔÇÖs anatomy

Zunge und Essen

Zuerst ist die Zunge im Vorgang des Essens wichtig. Sie schiebt den Nahrungsbrei an die verschiedenen Stellen zum Kauen und Einspeicheln. Das ist ein wichtiger Vorgang, um die Nahrung optimal verdauen zu k├Ânnen. Dazu hat sie unglaublich viel unterschiedliche Muskulatur, so dass sie sehr differenziert arbeiten kann. Die Zunge selbst besteht aus Muskeln, die sie in alle Richtungen des Raumes bewegen k├Ânnen. Auch von au├čen strahlt weitere Muskulatur in die Zunge ein. Und nat├╝rlich hat sie eine Menge Geschmackspapillen, die erkennen, wie etwas schmeckt und ob etwas wirklich gut f├╝r uns ist.

Und da sind wir auch schon im autonomen Nervensystem. Denn die verschiedenen Geschm├Ącker werden von verschiedenen Hirnnerven aus dem Autonomen Nervensystem erkannt. Und einen Geschmack gut zu erkennen, kann mitunter sehr viel mit Sicherheit zu tun haben. Denn wenn etwas giftig ist, sollten wir es sehr schnell wieder loswerden.

Zunge und Singen

Beim Singen ist sie f├╝r uns vor allem wichtig, weil mindestens zwei wichtige Funktionen von ihr beeinflusst werden: sie ist wesentlich an der Artikulation beteiligt, denn wir singen ja Text und dabei formt sie all unsere Vokale und Konsonanten.

Und sie ist an der Gestaltung unseres Resonanzraums beteiligt, denn in ihrem hinteren unteren Teil ist sie ein Teil der vorderen Wand desselben. Sie ragt also weit in den Rachenraum hinein. Das kann man auf der Abbildung oben gut erkennen. Wenn sie zu weit in den Rachenraum hinein dr├╝ckt, schlie├čt sie auch den Kehldeckel (Epiglottis) und das nimmt noch mehr Klang weg.

Und diese beiden Funktionen w├Ąhrend des Singens und auch Atmens so auszu├╝ben, dass sie sich nicht gegenseitig st├Âren ist eins der Themen, die im Gesangsunterricht immer wieder eine Rolle spielen.

Beispiel aus der Praxis:

Eine wunderbare ├ťbung hat sich dabei immer wieder bew├Ąhrt. Sie ist auch gut f├╝r den Anfang geeignet. Ich lasse meine Sch├╝ler:innen auf einem Ton die Vokal A und ├ä abwechselnd singen. Ich bitte sie, den Kiefer dabei ge├Âffnet zu lassen und nicht zu bewegen.

Die erste Wahrnehmungsfrage ist dann immer: Wie kommst du von A zu ├ä? Was glaubst du? Nach relativ kurzer Zeit stellt sich raus, dass sich die Zunge bewegt. Meist sp├╝ren wir, dass sie sich nach oben bewegt, aber auch nach vorne. In welchem Ausma├č ist sehr individuell und spielt zu Beginn keine Rolle. Damit haben wir sie schon aus ihrer Gewohnheit geholt und k├Ânnen deutlich h├Âren, dass der Klang sich ver├Ąndert. Er wird meist lauter und mehr Frequenzen, vor allem tiefere sind h├Ârbar.

Wenn wir Sprache im Singen so nutzen, wie wir es ├╝ber das Alltagssprechen gew├Âhnt sind, geht f├╝r gew├Âhnlich der Raum f├╝r die Resonanz der Singstimme verloren. Und wenn wir nur versuchen, den Raum irgendwie gro├č zu machen, dann verstehen wir entweder nichts mehr oder wir nutzen die Zunge nicht sonderlich effizient und dann fehlt uns beides: Raum und Verst├Ąndlichkeit.

Das bedeutet: f├╝r den klassischen Gesang brauchen wir eine komplett andere Artikulationsbasis als wir von klein auf f├╝r das Sprechen gelernt haben.

Zunge und Kiefer├Âffnung

Und die Zunge tut noch vieles andere, was gar nicht ihre Aufgabe zu sein scheint. Zum Beispiel hilft sie dabei, den Kiefer zu ├Âffnen, indem sie mit den Mundbodenmuskeln zusammen nach unten dr├╝ckt. Das ist super beim Essen eines BicMac aber nicht so g├╝nstig, wenn es um das Singen geht. Denn daf├╝r schlie├čt sie dann unseren Vokaltrakt etwas mehr als f├╝r das Singen g├╝nstig ist. Schau ruhig oben das Bild nochmal an, denn ich finde, man kann gut erkennen, wie sie das macht.

Die meisten Anatomen allerdings k├Ânnen nicht singen, also steht so etwas nat├╝rlich nicht in den medizinischen B├╝chern.

Wir haben folglich biomechanische Wirkungen, die wir beschreiben k├Ânnen. Und vor allem gibt es eine Menge toller ├ťbungen, die man machen kann, damit die Zunge eine Idee davon bekommt, welche Bewegungen sich besser beim Singen eignen als die, die sie ├╝ber das Sprechen und Schlucken gew├Âhnt ist.

Beispiel aus der Praxis:

Gerade gestern hatte ich eine Sch├╝lerin, wo deutlich sichtbar und h├Ârbar war, dass sich die Zunge zu sehr an der Kiefer├Âffnung beteiligte. Und jedes Mal, wenn sie sich f├╝r ├ä bewegen sollte, gab es einen Konflikt. Entweder h├Ârten wir keinen Vokal ├ä oder sie bewegte sich so ruckartig, dass die Stimme f├╝r einen ganz kurzen Moment brach, weil die Raumgestaltung pl├Âtzlich gest├Ârt war.

Hier wendete ich eine ├ťbung an, die ich nur f├╝r fortgeschrittene S├Ąnger:innen empfehlen w├╝rde. (siehe das Kapitel ├╝ber Schutz und das autonome Nervensystem)

Ich lie├č sie mit einer Hand ihren Unterkieferknochen umfassen und bat sie, den Kopf zu bewegen, ohne dass diese Hand ihre Stellung ver├Ąnderte. Die Muskeln des Kiefers und der Zunge mussten beginnen, sich komplett anders zu organisieren und ├╝ber kurze Zeit bewegte sich die Zunge m├╝helos sehr differenziert. Der Vokaltrakt ├Âffnete sich und wir hatten einen enormen Klang. Der untere Raum ├Âffnete sich. Als wir die ├ťbung sp├Ąter in der Despina Arie von Mozart anwendeten, scherzten wir beide ├╝ber die kommende Wagner-Despina. Denn der Klang der Stimme war so viel lauter und vor allem runder, dunkler und voller.

Zunge, Atmung und autonomes Nervensystem

Und die Zunge hat noch eine weitere wichtige Funktion, die dann schon zum autonomen Nervensystem ├╝berleitet: Sie kontrolliert unsere Luftzufuhr. Wie viel wir ein- und ausatmen, kann die Zunge kontrollieren. Wenn man sich nochmal anschaut, wo sie liegt, ist das auch ganz logisch. Denn der Rachen, der unser Atemweg ist, ist gleichzeitig unser Resonanzraum, unser Vokaltrakt. Wenn wir also hier eine ├ľffnung haben m├Âchten, die wir f├╝r den Klang ben├Âtigen, ist das immer auch an die Atmung gekoppelt. Wie atmen wir beim Singen aus und wie atmen wir vor dem Singen ein?

H├Âren wir Nebenger├Ąusche in der Atmung, dann ist immer die Zunge oder der weiche Gaumen in irgendeiner Weise mit im Spiel. Sie verengen an einer bestimmten Stelle und dort werden Luftstr├Âmungsger├Ąusche h├Ârbar.

Emotionale Aspekte und autonomes Nervensystem

Was aber ist mit emotionalen Aspekten und vor allem den Zusammenh├Ąngen mit dem Nervensystem? Denn da gibt es noch sehr vieles, was sich nicht gleich auf den ersten Blick erschlie├čt.

Schauen wir uns zuerst die Emotion an. Im Rachenraum sind einige emotionale Aspekte unseres Menschseins kodiert. Wir schlie├čen diesen Raum mehr oder weniger, je sicherer oder unsicherer wir uns f├╝hlen. Nicht umsonst gibt es im Sprachgebrauch die Ausdr├╝cke, dass es uns die Kehle zuschn├╝rt und wir vor Angst einen Klo├č im Hals haben. All das sind K├Ârperwahrnehmungen, die alle von uns kennen und die viel mit der Zunge zu tun haben, aber eben auch eine Emotion beschreiben, die nicht sonderlich angenehm ist.

Die Zunge geh├Ârt n├Ąmlich ganz eindeutig zum Schutzsystem unseres K├Ârpers und das wird vom autonomen Nervensystem gesteuert. Nat├╝rlich k├Ânnen wir die Zunge auch willk├╝rlich, also nicht autonom gesteuert bewegen, aber wenn es um Schutz geht, ├╝bernehmen die autonomen Funktionen des K├Ârpers. Dieses Schutzsystem ist dazu da, lebenswichtige Organe, wie die Lunge, zu sch├╝tzen. Sie verschlie├čt dazu manchmal mehr oder weniger den Rachen, damit keine gef├Ąhrlichen Partikel in die Lunge eindringen k├Ânnen.

Atmung und Emotion sind aneinander gekoppelt

Das ist dir sicher auch schon aufgefallen. Du atmest anders, wenn du sehr traurig bist oder wenn du w├╝tend bist. Wenn du so richtig gl├╝cklich bist, dann nimmst du h├Ąufig einen sehr tiefen Atemzug und hast das Gef├╝hl, dein Brustkorb weitet sich sehr. Die Atmung reagiert also auf jede Gef├╝hlsregung, die wir haben und passt sich ihr an. Wenn sie das tut, kann es manchmal nerven. Wenn wir zum Beispiel auf die B├╝hne wollen und aufgeregt sind, scheint sie nicht das machen zu wollen, was wir immer wieder ge├╝bt haben.

Aber das Tolle ist, dass wir dann ├╝ber den bewussten Teil der Atmung etwas ├Ąndern k├Ânnen und damit ├Ąndern sich manchmal auch die eher st├Ârenden Gef├╝hle. Und daran hat auch die Lage und Bewegung der Zunge einen gro├čen Anteil, denn sie geh├Ârt als Kontrolleurin der Luft mit ins Gesamtsystem hinein.

Zunge und Sicherheit

Und da ist sie mal wieder, die Polyvagaltheorie. Denn die 5 Hirnnerven, die f├╝r sie wichtig sind, arbeiten eben auch in der Zunge mit. Wir haben den Vagus-, den Glossopharyngeus- und den Facialis Nerv, der an der sensiblen und sensorischen Steuerung der Zunge beteiligt ist. Und da Vagus und Glossopharyngeus die beiden Hauptnerven sind, die unseren Vokaltrakt, den Rachenraum und die Stimmlippen steuern, haben wir von dort viele Einfl├╝sse.

Kein Wunder also, dass die Zunge darauf reagiert, ob wir uns in irgendeiner Situation sicher f├╝hlen oder nicht. Dass sich der Kontakt zu unseren Mitmenschen und vor allem zu unseren Mitmusizierenden, seien es Band, Orchester, Chorkolleg:innen oder Ensemblemits├Ąnger:innen auch auf die M├Âglichkeiten der Zungenbeweglichkeit auswirkt, ist also keine wirkliche ├ťberraschung.

Und das k├Ânnen wir negativ sehen und uns fragen: ja, was kann ich denn machen, wenn diese ├Ąu├čeren Einfl├╝sse alles zu bestimmen scheinen?

Die Zunge als Kommunikatorin

Oder wir k├Ânnen den positiven Aspekt betrachten. Je mehr du lernst, wahrzunehmen, wie die Empfindung f├╝r Raum, Stimmlippenschwingung und eben Zungenposition und -beweglichkeit ist, desto mehr Einfl├╝sse hast du nicht nur auf deinen Gesang, sondern eben auch auf ├änderungen in deiner Sicherheitsempfindung und das Miteinander der Menschen, mit denen du umgeben bist.

Und das ist doch wirklich eine tolle Aussicht. Die Zunge als Kommunikatorin. Nicht nur im Sprechen, sondern auch in der Kommunikation mit dir selbst, deinen Emotionen und damit deiner Ausstrahlung nach au├čen.

H├Ąttest du das gedacht? Neugierig geworden?

Dann probiere es doch gleich mal praktisch aus, indem du dir mein E-Book ÔÇťSing it easy!ÔÇŁ herunterl├Ądst und mit deiner Zunge, ihren Bewegungen und dem Klang experimentierst. Viel Vergn├╝gen dabei.

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